Take Off #17: Wenn Artistik zur Theaterkunst wird
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Take Off #17: Wenn Artistik zur Theaterkunst wird

Wer bei einer Absolventenshow für Circus Arts an klassische Gala-Acts denkt, wurde bei Take Off #17  eines Besseren belehrt. Die diesjährige Abschlusspräsentation der Codarts Circus Arts Absolvent:innen im Maaspodium Rotterdam zeigte vor allem eines: Zeitgenössische Artistik hat sich längst von der reinen Demonstration technischer Höchstleistungen emanzipiert. Die 14 Absolvent:innen des Jahrgangs 2026 präsentierten keine Nummern für […]

Kerstin Meisner-Schaul
Kerstin Meisner-Schaul
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Wer bei einer Absolventenshow für Circus Arts an klassische Gala-Acts denkt, wurde bei Take Off #17  eines Besseren belehrt. Die diesjährige Abschlusspräsentation der Codarts Circus Arts Absolvent:innen im Maaspodium Rotterdam zeigte vor allem eines: Zeitgenössische Artistik hat sich längst von der reinen Demonstration technischer Höchstleistungen emanzipiert.

Die 14 Absolvent:innen des Jahrgangs 2026 präsentierten keine Nummern für den schnellen Applaus. Stattdessen entstanden auf der Bühne eigenständige künstlerische Arbeiten, die Artistik als Ausdrucksmittel nutzen – ähnlich wie Tanz, Schauspiel oder Performancekunst. Die technischen Fähigkeiten waren beeindruckend, standen jedoch nie im Vordergrund. Entscheidend war die Frage: Was möchte ich erzählen?

Besonders eindrucksvoll war für mich Alice Clénets Stück Tilts. Während sie bügelte, entwickelte sich beinahe beiläufig eine virtuose Bodenakrobatik. Alltag und Körperkunst verschmolzen zu einer Performance, die zugleich absurd, poetisch und hochpräzise wirkte. Die Akrobatik wurde nicht zum Selbstzweck, sondern zum erzählerischen Mittel.

Photographer: Tessa Veldhorst ©De Schaapjesfabriek

Einen völlig anderen Ansatz verfolgte Mikk Bernadt. Seine Jonglage mit bis zu acht Bällen erinnerte zunächst an eine perfekt programmierte Maschine. Jeder Wurf schien exakt kalkuliert, jede Bewegung präzise getaktet. Doch genau in dem Moment, in dem Fehler möglich wurden, entstand etwas Menschliches. Die scheinbare Perfektion bekam Risse – und gerade dadurch gewann die Performance an Tiefe.

Photographer: Tessa Veldhorst ©De Schaapjesfabriek

Auch Jon Vino Ochieng beeindruckte mit seinem Walking Globe. Als Golfer auf dem Green bewegte er sich scheinbar mühelos auf der Kugel über die Bühne. Die technische Herausforderung seines Apparats trat dabei immer wieder hinter die Eleganz seiner Figur und die Selbstverständlichkeit seines Spiels zurück. Gerade diese Leichtigkeit machte die Komplexität seiner Darbietung sichtbar.

Corbinian Neubauer verwandelte sich in einen artistischen Dracula und nutzte das Cyr Wheel nicht nur als Gerät, sondern als zentrales Element einer atmosphärisch dichten Inszenierung. Ein fliegender Kronleuchter, ein Schwert und präzise gesetzte Lichteffekte schufen Bilder, die ebenso aus einer Theaterproduktion stammen könnten. Bewegung, Raum und Bühnenbild verschmolzen zu einer Erzählung, in der das Cyr Wheel Teil der Dramaturgie wurde – und nicht deren alleiniger Mittelpunkt.

Natürlich ließen sich noch viele weitere bemerkenswerte Momente dieses Jahrgangs nennen. Doch gerade die Vielfalt der Ansätze machte deutlich, was die Ausbildung bei Codarts auszeichnet. Die Studierenden werden nicht darauf vorbereitet, möglichst spektakuläre Tricks aneinanderzureihen. Sie entwickeln künstlerische Positionen und lernen, Artistik als eigenständige Kunstform zu verstehen.

Auch die Rahmeninszenierung überzeugte. Drei Moderator:innen in historischen Kostümen führten durch den Abend und sorgten für eine dramaturgische Klammer. Für einen der schönsten Überraschungsmomente sorgten ausgerechnet die Stagehands: Mitten im Umbau wurden sie plötzlich Teil einer Tanzszene – ein kleiner Einfall, der perfekt zum Charakter des Abends passte.

Photographer: Tessa Veldhorst ©De Schaapjesfabriek

Für die Zukunft der Circus Arts ist das eine spannende Entwicklung. Denn die Künstler:innen, die hier ihren Abschluss machen, werden nicht nur auf Varietébühnen oder bei Events zu sehen sein. Viele von ihnen bewegen sich selbstverständlich an den Schnittstellen von Zirkus, Tanz, Theater und Performance und bereichern damit eine Kunstform, die sich ständig neu erfindet.

Take Off #17 machte deutlich, dass die nächste Generation von Artist:innen nicht nur außergewöhnliche technische Fähigkeiten mitbringt. Sie versteht Artistik als Mittel, Geschichten zu erzählen, Atmosphären zu schaffen und Menschen zu berühren. Und genau das macht neugierig auf ihren weiteren Weg.

Die Absolvent:innen des Jahrgangs 2026 präsentierten ihre Abschlussarbeiten am 19. und 20. Juni 2026 im Rahmen von Take Off #17 im Maaspodium Rotterdam. Wer erleben wollte, wohin sich die zeitgenössische Artistik entwickelt, bekam an diesen beiden Abenden eine überzeugende Antwort. Sie bewegt sich immer stärker auf die Theaterbühne – ohne dabei ihre artistischen Wurzeln zu verlieren.

Alle Fotos: Tessa Veldhorst ©De Schaapjesfabriek – herzlichen Dank!

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